{"id":7701,"date":"2022-12-23T12:42:48","date_gmt":"2022-12-23T11:42:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.georgsorden.at\/de\/?p=7701"},"modified":"2022-12-23T12:44:22","modified_gmt":"2022-12-23T11:44:22","slug":"seele-europas-plaedoyer2022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.georgsorden.eu\/de\/seele-europas-plaedoyer2022\/","title":{"rendered":"Die Seele Europas. Ein Pl\u00e4doyer"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ramona M. Kordesch f\u00fcr den St. Georgs-Orden im Oktober 2022<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In seiner vielbeachteten Rede zur Zukunft Europas im Jahr 2022 forderte Karl von Habsburg \u201edie Freilegung der europ\u00e4ischen Seele\u201c und bezieht sich dabei unter anderem auf Robert Schumann, der als Gr\u00fcndervater der Europ\u00e4ischen Union in besonderer Weise die Integration moralischer Werte in die Politik forderte. Hierf\u00fcr bem\u00fchte er das religi\u00f6se und transzendentalphilosophische Konzept der Seele, als ordnende Kraft und formgebendes bzw. durchformendes Lebensprinzip menschlicher Gesellschaften. Wie von Aristoteles formuliert und von unterschiedlichen Vertretern einer ganzheitlichen Anthropologie bekr\u00e4ftigt, bilden Seele und K\u00f6rper eine substanzielle Einheit. Dass auch das Gemeinwesen, die <em>politeia, <\/em>und seine Verfassung der Form nach ebenso von einer Seele, inForm einer kollektiven <em>psyche <\/em>durchdrungen ist, ist seit Platon bekannt und mit Hegel dem aufgekl\u00e4rten Geist dargelegt. Als Kulturwesen entwickelt der Mensch sein Seelenleben durch die Aufnahme von Tradition, die durch die Umwelt der menschlichen Gesellschaft und ihrer kulturellen wie sittlichen Beschaffenheit auf ihn zukommt. Angesichts der weitgehenden Individualisierung und Pluralisierung westlicher Gesellschaften des postindustriellen Typs, ist die Frage nach der Existenz und der Beschaffenheit einer Seele Europas sachlich geboten. Dies schon allein aufgrund der Tatsache, dass Europa mehr ein historisch-kultureller als ein geographischer Begriff ist. Die von Oswald Sprengler vertretene und besonders unter christlich-katholischen Denkern viel rezitierte Untergangsversion der abendl\u00e4ndischen Kultur ist vornehmlich von der Aufl\u00f6sung des Bewusstseins\u00fcber moralische Werte, die nicht (!) zur Disposition stehen, gepr\u00e4gt. Eine Kulturmorphologie dieser Lesart fasst die abendl\u00e4ndischen Nationalstaaten zu einer \u201efaustischen Kultur\u201c zusammen, deren erstarrte und in die v\u00f6llige Privatheit gedr\u00e4ngte Weltbilder einer neuen, noch unbestimmten Weltordnung gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zuwendung zu den gro\u00dfen Konstanten des explizit christlichen Erbes in Europa ist \u00fcber seine Gr\u00fcnderv\u00e4ter bisweilen nicht hinausgekommen, hat sich doch die europ\u00e4ische Einigung vornehmlich unter \u00f6konomischen Gesichtspunkten vollzogen, und zwar unter weitgehender Ausklammerung der Frage nach den geistigen Grundlagen einer solchen Gemeinschaft. W\u00e4hrend man die europ\u00e4ischen Ideale, etwa die F\u00f6rderung des Friedens, der europ\u00e4ischen Werte und des Wohlergehens ihrer B\u00fcrger-\/innen, Freiheit, Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit ohne Binnengrenzen benennen konnte, ist die Debatte um eine Seele Europas als gemeinsames Fundament nicht zuletzt auf den Verzicht der <em>Invocatio Dei<\/em>, den Ausweis der Verantwortung des Menschen vor Gott, in der europ\u00e4ischen Verfassung in der Grundrechts-Charta von 2000 aufgegangen und seither nicht mehr fortgef\u00fchrt worden. Dabei ist den Kulturen der Welt die absolute Profanit\u00e4t, die sich im Abendlandherausgebildet hat, zutiefst fremd. Die kulturelle Transformation des Kontinents aber auch die Imperative seiner Geschichte verweisen auf den hohen Wert des freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat, dem die Existenz von Werten vorangeht, die von niemanden manipulierbar sind. So lebt der Staat von Voraussetzungen, f\u00fcr die er selbst nicht garantieren kann, weil sie von der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenit\u00e4t der Gesellschaft vorgegeben sind und abh\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Wagnis, das \u201eDilemma der Pr\u00e4ambel\u201c, stellt die eigentliche Gew\u00e4hr der Freiheit dar, die den europ\u00e4ischen Geist auszeichnet und ihm seine vorz\u00fcgliche Pr\u00e4gung verleiht. So ist beispielsweise die Vorstellung der Gottesebenbildlichkeit zur Grundlage der Menschenrechte geworden, deren Unantastbarkeit von der Idee eines Sch\u00f6pfergottes, demgegen\u00fcber wir in Verantwortung stehen, erf\u00fcllt ist. Insofern ist hier wesentlich das christliche Erbe in seiner besonderen Art von G\u00fcltigkeit kodifiziert. Ein Rekurs auf die Seele Europas empfiehlt sich aber auch vor den Herausforderungen der Krisen unserer Zeit, deren L\u00f6sungsversuche mit dem Begriff der \u00f6kologischen und sozialen Nachhaltigkeit verbunden sind. Dabei wird das konkrete Verantwortungshandeln f\u00fcr das \u00d6kosystem, in dem wir leben, also unsere Verpflichtung gegen\u00fcber der Sch\u00f6pfung zum Wohle k\u00fcnftiger Generationen, ein zentraler Bezugspunkt sein. Ganz wesentlich bildet sich jene Verpflichtung im Diskurs moderner Zivilgesellschaften ab, die mit dem Ausweis ihrer Ideale &#8211; und das ist ein ureurop\u00e4ischer Beitrag zur notwenigen Fortentwicklung globaler gesellschaftlicher Systeme- auch den Willen verbinden, ihnen zu dienen. Die Bereitschaft sich f\u00fcr die Gesellschaft und ihre zutr\u00e4gliche Entwicklung zu engagieren, kommt g\u00e4nzlich ohne einen Gottesbezug aus, findet aber in der Idee der christlichen N\u00e4chstenliebe als erstes Gebot eine Traditionsgeschichte, die f\u00fcr die Entwicklung der Gemeinwohlproduktion und der Philanthropie in Europa wesentlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>So erweist sich die Gestaltung moderner Gesellschaften, die sich vor der Herausforderung der Globalit\u00e4t neu einrichten m\u00fcssen, als voraussetzungsreich. Die Hinwendung zur Seele Europas kann auf der Suche nach einer postkonventionellen Moral, ohne authentische kulturelle Ressourceneingedenk der Prinzipien, die uns als Ganzes erfolgreich gemacht haben, nicht auskommen. Daf\u00fcr braucht man nicht gleich \u201edas Heilige\u201c zu strapazieren, wohl aber den Respekt f\u00fcr die gesellschaftliche Leistung der Religion in Europa, den man auch von jenen erwarten kann, die selbst nicht bereit sind, ihr zu folgen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Autorin: Dr. Ramona M. Kordesch ist r\u00f6m. kath. Theologin und Wirtschaftsethikern. Sie ist Direktorin des \u00d6sterreichischen Rates f\u00fcr nachhaltige Entwicklung mit Sitz in Wien und Wissenschaftlerin am Leadership Excellence Institute der Zeppelin Universit\u00e4t in Friedrichshafen am Bodensee.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ramona M. 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